Macht den Balken hoch, wir fluten jetzt!

20. Jahrestag des Mauerfalls: 9. November 1989 Berlin, Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße

Von Frank Walenszus

 

Eine angespannte Stimmung herrschte Anfang November in der Redaktion der Berliner Zeitung. Demonstrationen auf der Karl-Marx-Allee und dem Alexanderplatz verunsicherten die Journalistinnen und Journalisten in der Redaktion. Die Rufe wir sind das Volk und nach Reise- und Pressefreiheit gingen auch an unseren Ohren nicht vorbei. Ich hatte mich Tage vorher oftmals klammheimlich in die Gethsemanekirche an der Stargarder Straße nahe der Schönhauser Allee begeben. Als Unbeteiligter stand ich in einer Nische, um nicht fotografiert zu werden und hörte nur zu.

 

Im Berliner Verlagsgebäude, dem Redaktionssitz der Berliner Zeitung, drückten sich Redakteure allabendlich an den Fenstern die Nasen platt und sahen den Demonstranten aus der sechsten Etage zu. Niemand wusste, wohin die Ereignisse führen.

Am 9. November tagte das Redaktionskollegium unter Leitung des damaligen Chefredakteurs Dieter Kerschek seit den frühen Vormittagsstunden. Die Redaktionsarbeit schien gelähmt. Dann die Weisung: „Zeitungsmachen“ wie gewohnt! Den ganzen Tag verschanzte sich die Redaktionsleitung in ihrem Sitzungsraum. Nur das Reichen von belegten Brötchen und Kaffee ließ für wenige Augenblicke die Türen öffnen.

 

Am frühen Abend ein kopfloses Durcheinander: Schabowski las vor, was auf einem Zettel stand, der ihm gereicht wurde: Die Bürger der DDR können ab sofort über alle Grenzübergänge zur BRD ausreisen.

 

Ich erhielt den Auftrag zur Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße zu fahren, und über die Situation vor Ort einen Artikel zu schreiben. Hunderte Berlinerinnen und Berliner hatten sich bereits 19.30 Uhr mit Kind Kegel eingefunden und verlangten, die Ausreise nach Westberlin. Grenzsoldaten standen in Gruppen zusammen – ratlos. Durch die Fenster des Gebäudes sah man in den hell erleuchteten Räumen eine hektische Aktivität der Führungskräfte. Immer mehr Menschen versammelten sich vor dem Kontrollpunkt. Sprechchöre erklangen: Wir sind das Volk! Öffnet die Mauer! Wir wollen nach Westberlin.

Die Mitteilung Schabowskis zur Pressekonferenz hatte die Grenzer ohne Vorwarnung erwischt. Es gab keine Befehle. Ein Offizier der Staatssicherheit trat vor die Menge und forderte die Demonstranten auf, nach Hause zu gehen und sich am Morgen des Folgetages ein Ausreisevisum in der Volkspolizeikreisbehörde zu holen. Dann stehe der Ausreise nichts im Wege.  Die Stimmung schien zu kippen, Sprechchöre und Pfiffe erklangen und die Menschen rückten bedrohlich der Speeranlage näher. Der Offizier verschwand im Gebäude. Auf Westberliner Seite hatten sich ebenfalls tausende Menschen eingefunden. Feuerwerkskörper zischten in den abendlichen Himmel und warfen ein gespenstisches Licht auf die Grenzsperranlagen. Vom Wind verzerrt klangen die Rufe der Westberliner herüber: Macht die Mauer auf!

Das Licht des Scheinwerfers von einem Wachturm streifte über die Ostberliner, deren Zahl unüberschaubar stieg, um dann zur Westberliner Seite hinüber zu schwenken. Durch die Fenster des Gebäudes sah man wild gestikulierende Uniformträger und auch Leute in Zivil. Plötzlich öffnete sich die Tür des Dienstgebäudes, ein Oberst sah kurz zu den Demonstranten, die wie gebannt zu ihm blickten. Dann wandte er sich zu den vier Soldaten am Schlagbaum: „Macht den Balken hoch, wir fluten jetzt. Sollen sie doch laufen, wohin sie wollen." Die ersten Ausreisenden erhielten jedoch in ihren Ausweis einen Stempel verpasst, der das Dokument ungültig machte. Nach damaliger Lesart waren jetzt die Betroffenen staatenlos und ausgebürgert. Der Ansturm der Berliner bereitete jedoch auch dieser Schikane ein jähes Aus.

Auf der Bornholmer Brücke hatten sich bereits Hunderte Westberliner gedrängt, als die Ostberliner auf die Brücke strömten. Fremde Menschen lagen sich in den Armen. Sektkorken knallten. Es bot sich eine Feier, wie sie an diesem Ort noch nicht stattgefunden hatte. DDR-Grenzsoldaten standen abseits, betreten vor sich hinblickend,  ihre  Kalaschnikow geschultert. Sechs bis acht West- und Ostberliner traten lachend auf sie zu, zwei Sektflaschen und Gläser in den Händen haltend. Kein böses Wort fiel. "Kommt", sagte einer der Westberliner, "lasst uns auf das offene Berlin anstoßen". Unsicher und misstrauisch schauten die Soldaten um sich und verschwanden im Dienstgebäude. Bis weit nach Mitternacht hatte die Bornholmer Brücke „Schwerstarbeit“ zu leisten. So viele Menschen auf einmal hatte sie noch nie zu tragen. Selbst das sonst unstetige Licht der Scheinwerfer auf den Wachtürmen war erloschen.

Übrigens: Mein Artikel wurde nicht gedruckt. Was zählt das schon, die Maueröffnung sprach für sich.

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