Die Krise der Kirchen


Kommentar

Protest der Protestanten ein Seufzen

Gottesdienste bleiben Antworten auf Nöte der Menschen schuldig –
2,6 Millionen Austritte aus der ev.-lth. Kirche in zehn Jahren


Von Frank Walenszus

Die Kirchen stecken in der Krise. Spärlich besuchte Gottesdienste und Kirchenaustritte sind nur zwei Aspekte, mit denen es die Gemeinden vor Ort zu tun haben. In Deutschland gab es 1990 noch 28,3 Millionen Katholiken, im vergangenen Jahr waren es nur noch 25,5 Millionen. Dieser Trend schwindender Kirchenmitglieder trifft aber nicht nur die Katholiken. Innerhalb von nur zehn Jahren hat die evangelische Kirche in Deutschland etwa 2,6 Millionen Kirchenmitglieder verloren und kam 2007 auf 24,8 Millionen organisierte Gläubige.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind nicht nur in der Krise von Politik und Gesellschaft zu suchen. Auch wäre es verfehlt, die jüngsten Offenbarungen des Missbrauchs in der röm.-kath. Kirche als die Ursache anzusehen. Es wäre fatal wenn die evangelisch-lutherische Kirche nun mit den Finger auf ihre katholischen Brüder und Schwestern zeigen würde. Ellen Überschär, Generalsekretärin des Zweiten Ökumenischen Kirchentages stellte das eindeutig klar: „Wir Evangelische können uns jetzt aber nicht hinstellen, schadenfroh auf die katholische Kirche schauen und sagen, wir sind da draußen.“

Die Krise der evangelisch-lutherischen Kirche und ihre abhanden gekommene Mitglieder sind eine Wirkung der inneren verkrusteten Strukturen. Die Kirche erreicht inhaltlich zunehmend weniger ihre Mitglieder. Finanzkrise, Massenarbeitslosigkeit, HartzIV, Verarmung breiter Volksschichten spiegeln sich kaum in den Gottesdiensten wieder. Der Protest der Protestanten gegen diese Auswüchse des Turbokapitalismus ist zu einem Seufzen verkommen. Schwache und mit Mühseligkeit Beladene finden kaum noch in den Gottesdiensten oder im Gemeindealltag Zuspruch, von Hausbesuchen ganz zu schweigen. Das Hinwenden zu den Vitalen ist ein vitaler Fehler. Unser Herr und Heiland verwies bereits darauf: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht. Darüber täuscht auch nicht der Appell an das gerechte Miteinander aller Menschen hinweg, mit dem der 2. Ökumenische Kirchentag in München zu Ende gegangen ist.

Vielen Menschen ist die Kirche einfach zu angepasst, wenig streitbar in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Hier sollte sich vor allem die evangelisch-lutherische Kirche auf den Reformator Martin Luther rückbesinnen und dem Volk aufs Maul schauen, um in der mitunter derben Sprache des Reformators zu verweilen. Welche Antworten geben die Kirchen den von Drangsal befallenen Menschen? Bei einer Spurensuche in der ev.-lth. Kirche wird man kaum fündig. Die Gottesdienste sind meist harmlos, kraftlos und ziellos, bieten kaum Zurüstung, um mit den Problemen der gesellschaftlichen Wirklichkeit klar zu kommen. Die Folge ist, nicht einmal mehr zehn Prozent der Gemeindeglieder besuchen regelmäßig den Gottesdienst.

Der interessierte Websurfer kommt zuweilen ins Staunen. Da bietet die Bartholomäuskirche Großaltdorf (Landkreis Schwäbisch Hall) am 27. Juni 2010 einen lebensnahen Gottesdienst an. Im Leitbild der Gemeinde erfährt man unter Punkt "vier" Näheres: Zu gesellschaftspolitischen Themen beziehen wir Stellung und setzen Akzente für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Da wird man doch glatt versucht, sich diesen Gottesdienst nicht entgehen zu lassen.


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