Ist die Seele unsterblich?

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Ist mit dem Tod alles aus?

Kritische Gedanken zum Buch von Mathias Schreiber „Was von uns bleibt“ - Untertitel: Über die Unsterblichkeit der Seele

Von Frank Walenszus

Was meinen Sie, was von uns bleibt? Mathias Schreiber widmete sich diesem Thema über die Unsterblichkeit der Seele (erschienen im Spiegel Verlag Hamburg). Ein überaus interessantes Buch oder wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: Ein erfrischend positionsfreudiges Buch. Titel des Buches: Was von uns bleibt. Der Autor beschreibt dieses Thema aus der Sicht verschiedener Religionen, die Widerspruch hervorrufen, insbesondere seine Betrachtung aus christlicher Sicht.

Schon allein das Eingangszitat läst seinen Hang zu fernöstliche Religionen erahnen: Der Mensch ist ein Fluss des Lichtes. Der aus der Endlichkeit zur Unendlichkeit fließt (Khalil Gibran, Der Prophet). Schreiber bemüht zudem zahlreiche Philosophen zu diesem Thema. Er greift durchaus ein Thema auf, das die Menschen explizit beschäftigt: Stirbt die Seele mit dem Tod?

Platon beispielsweise widmete sich in seiner Betrachtung mit dem Sinnlichen und Nichtsinnlichen ebenfalls mit dem Gegenstand Seele. Folgen wir Platon, so ist die denkende, nichtsinnliche Seele, nichtsinnliche Ideen als ein reines Modell des Erkennens des Wirklichen, wie beispielsweise das Wesen einer Zahl oder des perfekten Kreises. Die Betrachtung des Kreises beispielsweise setzt allerdings dessen Wesensverwandtschaft mit dem erkannten Kreis voraus, quasi mit der Erkenntnis, dass der ideelle Kreis dem realen sehr nahe kommt, ohne allerdings mit ihm identisch zu sein. Die Entferntheit der begrifflichen Seele von der tatsächlichen führt Platon zu der Schlussfolgerung: Jeder gezeichnete Kreis kann als Zusammenfügung extrem kurzer Geraden dargestellt werden. Bezogen auf die Seele ist sie jedoch in ihrer Einfachheit nicht duplizierbar oder teilbar.

Der Autor schlussfolgert daraus ein Produkt einer wesentlich anderen Idee der Gerade, die zwar Kreis ist, doch ihm selbst widerspricht. Was quasi bedeutet, dass damit die eigene Idee verfehlt wird. Anders gesagt, die Seele ist nicht das Abbild unser wahrgenommenen Seele. Somit bleibt die wesensverwandte Seele selbst, einai aei Kata auta, immer ein und dasselbe. Die Platon'sche Erkenntnis: Das Bleibende war schon immer. Gerade das lässt den Schluss einer körperlich losgelösten Seele zu. Sokrates fasste die Trennung von Seele und Körper mit dem Tod als schrittweise „Entfernung der Seele von dem Sinnlichen“. Das setzt freilich voraus, dass die Seele mit dem Körper verbunden aber nicht identisch ist - quasi die Entfremdung der eigenen Wahrnehmung.

Der Kirchenlehrer Augustinus (354 bis 430 n.Chr.) fasste die Seele als unzeitlich und unsterblich. Die Zeit bestehe jedoch, so seine Überzeugung, aus einer ausdehnungslosen Gegenwart, die eine Vergangenheit, die nicht mehr ist, und eine Zukunft, die noch nicht ist, zusammenhält. Eine ausdehnungslose Gegenwart als ein Zustand des Seins und des Nichtseins zugleich. Ein Zustand als eine nicht fassbare vom Menschen unabhängig existierende nichtsinnliche Größe in Raum und Zeit, die nicht definiert werden kann.

Goethe verstieg sich gar in der Gewissheit, dass, wer die meiste kreative Energie in Werke umsetzt, habe auch die besten Chancen auf ein prägnantes Fortleben in Natur und Geschichte. Zumindest ist hier Widerspruch vonnöten. Wer kreative Energie als Basis für ein prägnantes Fortleben der Seele in Natur und Geschichte bewertet, würde die Unsterblichkeit der Seele einengen, sie deklassieren als einen Wurmfortsatz der Intelligenz. Die gegenseitige Abhängigkeit von Intelligenz und Seele hätte jedoch fatale Konsequenzen für das kollektive Bewusstsein der Rasse Mensch und dessen gesellschaftliche Bindung. Einige Philosophen erkannten wohl die sich darin bergende Gefahr und interpretierten die Seele als einen Teil der fleischlichen Existenz des Menschen, die jedoch ohne den fleischlichen Körper defakto existieren könne, im Übergang vom Sinnlichen zum Nichtsinnlichen. Beweisen können wir das allerdings nicht.

Allein der Glaube versetzt den Christen in die Lage, auf ein Weiterleben nach dem Tod zu hoffen, da Jesus Christus mit seiner Auferstehung nach seiner Kreuzigung dem Tod die Macht genommen hat. Der Glaube an Christus gibt Menschen ihren Tod und ihre Unsterblichkeit zugleich. Welches sinnliche oder nichtsinnliche Leben und welche Aufgabe die Seele übernimmt können wir Menschen nicht einmal erahnen. Die Bibel gibt darüber jedoch ein klares Zeugnis. Die Jünger und Hunderte Menschen sahen Jesus Christus nach seiner Auferstehung.

Der böhmische Philosoph und Mathematiker Bernard Bolzano (1781 bis 1848) schlussfolgerte: „Sehen wir aber mit Deutlichkeit ein, dass unsere Seele eine einfache Substanz und nicht teilbar ist, so muss es uns auch außer Zweifel sein, dass sie in Ewigkeit fortdauern werde.“

Die Unzerstörbarkeit der Seele wird von vielen Philosophen als gottgegeben gesehen, so auch vom Stuttgarter Philosophen Robert Spaemann, der auf Kant zurückgreift: Wir müssen ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein, das im Diesseits nicht existent ist. Was irgendwann niemals wahr gewesen ist, ist auch gegenwärtig nicht wahr.

Diese Zeitgrenzen müssen wir ganz einfach überspringen oder akzeptieren. Wären wir in die Lage versetzt, eine Reise durch die vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Zeit zu unternehmen, könnten wir annähernd der absoluten Wahrheit über das Fortleben der Seele erfassen, da wir aus dem Ich heraustreten. Wir könnten etwas betrachten, das war, derzeit ist und künftig sein wird. Das wäre jedoch gleichbedeutend mit einem quantitativen und qualitativen Sprung seit Eva dem Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis reichte. Das würde jedoch die Menschen in eine erneute konträre Stellung zu Gott bringen.

Man kann darüber streiten oder auch nicht. Es sind Darlegungen von Menschen wie die meinige. Auch Mathias Schreiber kann aus seiner beschränkten Sicht nicht zum Zentrum der Erkenntnis vordringen. Seine oberflächliche Bewertung der Auferstehung von Jesus Christus ist mehr als nebulös, auch wenn er sie scheinbar mit Bibelzitaten spickt. Er bemüht selbst Papst Benedikt XVI., dass Glaube kein blinder Glaube zu sein braucht und vergleicht das Ganze mit einer Steigerung der seelischen Wellness, hinführend zum Zitat des Heiligen Apostels Paulus: „Auf Hoffnung hin sind wir gerettet“ (spe salvi facti sumus).

Unsterblichkeit sei, so schlussfolgert der Autor, nur erstrebenswert, wenn sie selig mache. Er klassifiziert das ewige Leben als eine unaufhörliche Irgendwie-Existenz, die ja auch ein Fluch sein könne und kaum zu unterscheiden sei von der ewigen Verdammnis in der Hölle. Er vergleicht das Glaubensbild mit einem Gemälde: „Erst muss der Betrachter, ermutigt durch einen positiven Anfangsverdacht, den Sprung wagen und hypothetisch an die geheimnisvolle Größe des Kunstwerks glauben – dann plötzlich strömen die Erkenntnisse, und viele delikate Qualitäten werden sichtbar, die dem Betrachter ohne das erste Wagnis zur Bewunderung niemals aufgegangen wären.“

Es bleibt ein fader Nachgeschmack nach dem man das Buch gelesen hat. Das Bemühen von Religionen im Stile einer Cafeteria des Glaubens zeigt einmal mehr ein diffuses Bild etwas erklären zu wollen ohne Kenntnis zu haben. Glaubhaft wäre die Schlussfolgerung des Buchverfassers als Epilog gewesen: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Doch diese Größe hatte der Autor nicht.

17. Oktober 2010
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