Aktion Perspektivwechsel Wohlfahrtspflege


Den Blick verändern und Neues erkennen

Fliednerwerk „Dorf im Dorf“ und Gemeindeverwaltung beteiligen sich an der Aktion „Perspektivwechsel“ der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege im Freistaat


Der Hohndorfer Bürgermeister Matthias Groschwitz und Ralf Bauer arbeiten Hand in Hand, um Holzelemente eines alten Gartenstuhls wieder aufzubereiten. Das verwitterte Holz muss abgeschliffen und alte Eisenteile sind zu entfernen.                (Fotos: FW)
Der Hohndorfer Bürgermeister Matthias Groschwitz und Ralf Bauer arbeiten Hand in Hand, um Holzelemente eines alten Gartenstuhls wieder aufzubereiten. Das verwitterte Holz muss abgeschliffen und alte Eisenteile sind zu entfernen. (Fotos: FW)

Von Frank Walenszus

Hohndorf. Bürgermeister Matthias Groschwitz an einer Werkzeugbank der Fliednermanufaktur. Grit Kunze vom Sozialamt begleitet Menschen mit Behinderungen bei ihrem Einkauf. Hohndorfer nahmen das am Mittwoch (29. August) mit Erstaunen zu Kenntnis. Eingeladen dazu hatte Volkmar Martin, vom Fliednerwerk Sachsen „Dorf im Dorf“ in Hohndorf, das sich erstmalig an der „Aktion Perspektivwechsel“ der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege des Freistaates beteiligte, die vom 27. bis 31. August 2012 im Freistaat Sachsen stattfand. Mit der Aktion soll der Blick auf die Belange der Menschen mit Behinderungen verändert werden. Verwaltungsmitarbeiter öffentlicher Einrichtungen sollen so einen besseren Einblick im Alltag der Betroffenen bekommen und in Erfahrung bringen, wie sich politische Entscheidungen auf die Lebensverhältnisse der Menschen mit Behinderungen auswirken.

Für Bürgermeister Matthias Groschwitz und seinem Team der Ortsverwaltung ist das nichts Neues. Die Gemeinde weiß um die Belange der sozialen Einrichtung und doch nutzten sie die Möglichkeit, ein paar Stunden am Alltag der Bewohner und Betreuungsmitarbeiter des „Dorf im Dorf“ teilzunehmen. „Das ist eine gute Möglichkeit, Einblick zu nehmen und mögliche Erkenntnisse für die eigene Arbeit in der kommunalen Verwaltung zu gewinnen. Gewissermaßen hinter die Kulissen zu schauen“, ist sich der Ortschef sicher.

Während Grit Kunze vom Sozialamt den Einkauf im nahen Markt vorbereitet und Bewohner der Einrichtung ihren Einkaufszettel erstellen, wartet auf Bürgermeister Groschwitz Arbeit in der Fliednermanufaktur im Einkaufszentrum. Seit Juni vergangenen Jahres nutzt das „Dorf im Dorf“ ein ehemaliges Ladengeschäft als Werkstatt. Hier werden acht Frauen und Männer, die eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen nicht besuchen können, an handwerkliche Arbeiten herangeführt. Werkstattleiter Gunter Leonhardt sieht darin eine Chance, in absehbarer Zeit dennoch die Selbstständigkeit einiger so weit zu verbessern, dass sie für eine Tätigkeit in der Stollberger Werkstatt für Behinderte der Lebenshilfe befähigt werden.

Gunter Leonhardt präsentiert Produkte der Fliednermanufaktur aus Keramik, die als Wandschmuck dienen.
Gunter Leonhardt präsentiert Produkte der Fliednermanufaktur aus Keramik, die als Wandschmuck dienen.
Mirko Siegel beim Zuschneiden der Holzwerkstücke.
Mirko Siegel beim Zuschneiden der Holzwerkstücke.
Betreuerin Ines Reichel (links), Stefanie Paulig und Roberto Theumer beim  Anfertigen der Feueranzünder.
Betreuerin Ines Reichel (links), Stefanie Paulig und Roberto Theumer beim Anfertigen der Feueranzünder.
Renè Mothes fertigt aus Holzstücken Stäbe für Feueranzünder.
Renè Mothes fertigt aus Holzstücken Stäbe für Feueranzünder.

„Bis es allerdings soweit ist können sich die acht Behinderten ohne Leistungsdruck in der Holzbearbeitung, im Herstellen von Keramik- oder Textilerzeugnissen sowie in der Farbgestaltung nötige handwerkliche Kenntnisse erwerben“, weiß Gunter Leonhardt. Und dass sie mit Eifer und Spaß bei der Sache sind stellte auch der Ortschef fest. Er widmet sich gemeinsam mit Ralf Bauer eines kaputten Holzstuhls. Das vom Wetter gezeichnete Holz wird aufgearbeitet, verrostete Schrauben werden entfernt, um den Gartenstuhl im neuen Glanz wieder erstehen zu lassen.

Dass die Manufaktur in gewisser Weise ihren Namen zu Recht trägt beweisen deren Beschäftigen auch mit innovativen Lösungen. Sie entwickelten unter anderem einen Kohleanzünder für Grill und Kamin. Die Lösung ist so frappierend wie einfach. Genutzt werden dafür Einbandpappen der Schreibblöcke, die in langen Streifen geschnitten, mit dünnen Holzstäbchen verflochten zu einem dicken Bündel aufgerollt werden. Teilnehmer der „Schwarzen Pause“ im Bergbaumuseum Oelsnitz erhalten ein in der Manufaktur weiter bearbeiteten kleinen Hunt mit der symbolisch letzten geförderten Steinkohle im Oelsnitz-Lugauer Bergbaurevier. Keramik oder Bilder mit Naturmaterialien, schmuckes textiles Design, fantasievoll gestaltet, künden ebenfalls vom Geschick der hier Tätigen. Bürgermeister Groschwitz ist denn auch des Lobes voll über die engagierte Arbeit der Betreuer und der Beschäftigten in der Manufaktur, die mit Liebe und Fleiß bei der Sache sind und sich so in einer für sie schwierigen Lebenswelt verwirklichen können.

Wie Menschen mit kognitiven Behinderungen ihren Alltag dennoch relativ meistern können, das erfuhr auch Grit Kunze auf ihrer Einkaufstour. So bewahren sich Bewohner des „Dorf im Dorf“ ein Mindestmaß an Selbstständigkeit. Den Blick auf diese Dinge zu verändern und neu zu definieren, dazu hat der Mittwochvormittag in der Einrichtung des Fliednerwerkes beigetragen, sind sich die Gäste aus der Gemeindeverwaltung Hohndorf sicher. Doch nicht nur für sie, sondern auch für Betroffene und Betreuer war es ein Erlebnis so hautnah ein Stück Alltag gemeinsam gestaltet zu haben.

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